Lektion 3a

Die Geburt des Individuums - von der Achsenzeit bis zur Moderne

Wir moderne Menschen glauben, das Individuum sei eine neue, moderne Ausgabe des Menschen. Das ist (wie so vieles was wir denken) falsch. Schon um 500 v. Chr. lösten sich in etlichen Gegenden der Welt einige Menschen aus dem Leben als (nur) Gemeinschaftswesen und lebten selbstbestimmt und selbstverantwortlich ihr sehr eigenes Leben.

Odysseus ist für uns ein Symbol für den Menschen, der zum Individuum wird. Zunächst (in der Ilias), bewegt er sich noch im Rahmen der traditionellen Vorstellungen und Rollen, aber schon damals ist seine List sein Markenzeichen, die ihn von größeren Kriegern und bedeutenderen Fürsten unterscheidet.

Doch in der Odyssee wird er zu der Figur, die durch ihre eigene (unfreiwillige) Reise, seine Verluste, seine Versuchungen und Bedrohungen zum Symbol für das Individuum wird. Immer wieder ist er Verlockungen und Gefahren ausgesetzt, die nicht nur sein Leben, sondern seine Persönlichkeit und sein eigentliches Ziel, nach Hause zu kommen, bedrohen. Aber er trifft souverän seine Entscheidungen und kommt heil zurück zu Frau und Kind.

Ein wichtiges Kennzeichen der sich durchsetzenden Individualisierung ist das Aufkommen der Weltreligionen, sie haben im Laufe der Zeit die bis zur Achsenzeit exklusiv vorhandene Form der Volksreligionen abgelöst.

Die Weltreligion wendet sich, im Gegensatz zur Volksreligion, vornehmlich an den Einzelnen. Es geht erstmals um des Menschen ganz persönliches Heil. Er persönlich muss erlöst werden. Nur durch Verbundenheit mit Gott ist nun das Heil noch möglich. …

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